Die Nachhaltigkeits-Krise

Zwischen April und November diesen Jahres habt ihr auf diesem Blog nur sehr wenig von mir gehört und das hatte einen Grund, den ich euch heute erklären möchte.

Tatsächlich steckte ich bis zum Hals in einer Nachhaltigkeits-Krise. Durch meine Arbeit und mein Studium habe ich mich im letzten Jahr täglich mit der Thematik der Nachhaltigkeit auseinander gesetzt und begann zu Zweifeln. Fragen wie "Hat das Alles einen Sinn?", "Kann ich alleine überhaupt etwas ausrichten" und "Eigentlich kann es mir doch auch egal sein oder nicht?" wurden plötzlich in meinem Kopf immer lauter. Besonders die Tatsache, dass es so viele Probleme auf der Welt gibt und es eine zu große Anzahl von Akteuren gibt, die so tun als wären sie nachhaltig, es aber nicht sind (und das auch gut genug wissen) hat mich auf Dauer nicht nur wütend gemacht, sondern auch an dem ganzen Thema zweifeln lassen. Was soll ich kleiner Mensch schon tun, wenn doch eigentlich immer mehr zu tun ist, als ich alleine kann? Besonders auf einer Ebene, der zwischenmenschlichen, gab es Momente in denen ich einfach keine Lust mehr auf Nachhaltigkeit hatte.
Mein Umfeld ist was diese Thematik angeht vollkommen bunt gemischt. Einerseits habe ich Freunde und Bekannte, die keinen Wert auf Nachhaltigkeit legen, dann wiederum welche, die es interessant finden aber nur zum Teil danach leben und die, ich nenne sie jetzt mal die Hardcore Ökos, die selbst von sich behaupten "nachhaltig" zu sein. Und um ehrlich zu sein, hat mich diese letzte Gruppe der Personen am meisten gegen die Nachhaltigkeit aufgebracht.

Jeder von Euch kennt sie sicherlich, diese mit dem Finger auf andere Personen zeigenden Menschen, die den ganzen Tag nur Wörter wie bio, vegan und fair benutzen und dabei scheinbar völlig vergessen, dass ein guter Mensch zu sein mehr bedeutet als nur fair produzierte Kleidung zu tragen und es mehr Werte im Leben gibt als nur Nachhaltigkeit. Freundlichkeit und Höflichkeit bleiben bei diesen Leuten leider häufiger auf der Strecke, als ein Einkäufer Plastiktüten verwenden kann. Diese oft sich selbst als "Gutmenschen" ansehenden Menschen, betrachten sich selbst als etwas besseres, weil sie ja angeblich ganz toll nachhaltig und fair leben und deshalb "genug tun".
Aber ich frage mich, ist es nicht ebenso verwerflich mit dem Finger auf eine allein erziehende Mutter zu zeigen, die statt dem Bio Obst das konventionelle Obst kauft, ohne zu wissen, dass sie die Kleidung ihrer Kinder immer auf Flohmärkten oder Second-Hand-Läden kauft um die Umwelt zu schonen, nur weil sie deshalb nicht 100% nachhaltig ist, wie die Tatsache Kleidung von ausgebeuteten Näherinnen von großen Modefirmen zu kaufen?

Das Problem dahinter ist: Niemand kann in unserer heutigen Gesellschaft und in Ländern wie Deutschland komplett nachhaltig sein. Das ist einfach nicht möglich. Denn vieles was nachhaltig scheint, ist es nicht und es gibt zu viele Situationen im Alltag, in denen man nicht beeinflussen kann wie nachhaltig diese ist. Man kann eben nicht aufhören zu Atmen um Co2 einzusparen.
Anderen Personen einzureden, dass sie etwas schlechteres sind oder ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil sie nicht komplett nachhaltig leben ist also nicht nur asozial, sondern auch heuchlerisch. Unsere Welt braucht mehr als nur faire Kleidung und nachhaltig angebauten Kaffee. Das was wir wirklich brauchen ist Mitgefühl, Vertrauen und vor allem Menschlichkeit. Wenn ich einer alten Frau bei ihrem Einkauf helfe oder mich im Wartezimmer nett mit dem Rentner neben mir unterhalte, weil er nach menschlichem Kontakt sucht, ist das mindestens genauso viel Wert, wie das Verzichten auf Plastiktüten beim Einkauf. Ich möchte nicht in einer nachhaltigen Welt leben, in der man mit dem Finger auf Menschen zeigt die keine Bio Produkte kaufen, weil sie nur halbtags arbeiten damit sie sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern können und deshalb zu wenig verdienen um immer und alles in Bio Qualität zu kaufen.
Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht von außen geurteilt wird, ohne ein Blick hinter die Kulissen zu werfen.
Ich wünsche mir eine Welt, in der die Menschlichkeit an erster Stelle steht und nicht bloß die Nachhaltigkeit. Denn wenn Menschlichkeit im Vordergrund stünde, wären viele Probleme der Nachhaltigkeit schon längst von alleine gelöst. Dann müsste beispielsweise keiner explizit als fair gehandelte Ware bezeichnete Produkte kaufen, weil das dann der Standard wäre.

An alle "Gutmenschen" da draußen mit nachhaltigen Klamotten und fairem Kaffee, wie viel Gutes habt ihr heute wirklich schon getan? Für die Menschen in eurer Nähe, für den Nachbar oder die Tante? Und wem habt ihr heute schon weh getan in dem ihr ihn verurteilt habt für vermeintlich schlechtes (nicht nachhaltiges) Verhalten ohne die Geschichte, den Hintergrund oder die restlichen Tätigkeiten dieser Person zu kennen? Ich bewundere eure nachhaltige Lebensweise, ganz ehrlich, aber bitte hört auf von euch auf andere zu schließen. Denn nicht jeder kann, auch wenn er wollte. Zwingt anderen nicht eure Lebensweise und eure Meinung auf, denn damit erreicht ihr in vielen Fällen das Gegenteil von dem was ihr möchtet.

Und an alle nicht "Gutmenschen": Das hier soll kein Aufruf dazu sein nicht auf Nachhaltigkeit zu achten. Im Gegenteil, tut alles was ihr könnt und seid stolz darauf. Mit jeder Kleinigkeit die ihr für die Umwelt und unsere Gesellschaft tut, kommen wir dem großen Ziel einer nachhaltigen Gesellschaft näher. Lasst euch von Niemandem einreden, dass ihr schlechte Menschen seid, denn das zeigt sich nicht anhand eurer Kleidung oder den Bio Produkten die ihr kauft, sondern im täglichen Umgang mit der Umwelt und den darin lebenden Menschen.

Wenn Jeder sein Bestes gibt, ist der Idealzustand nicht mehr fern.

Ich habe mich zurück auf die kleinen Schritte in Richtung Nachhaltigkeit besinnt und den Glauben daran wiedergefunden, dass jeder Schritt und jede Tat zählt und mich damit aus meiner Nachhaltigkeits-Krise befreit. Ich tue was ich kann, ich gebe mein Bestes und das ist gut so. Und genau das möchte ich euch allen da draußen mit auf den Weg geben. Nachhaltigkeit ist wichtig, aber es ist nicht das Wichtigste überhaupt.

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